Good Practice

Liebe Lehrende,

wir haben für Sie die wichtigsten Erfahrungen aus den Evaluationen zu ARSnova, der Audience-Response-Literatur und der eigenen Lehrpraxis in einer Empfehlung für die Implementierung von ARSnova in die Hochschullehre zusammengefasst.

Bevor Sie sich mit den technischen und didaktischen Ratschlägen befassen, sei Ihnen zunächst ein „Reiseführer“ an die Hand gelegt. Ein guter Reiseführer gibt Empfehlungen unter Berücksichtigung der Interessen und des Zeitbudgets der Reisenden (hier in SWS für den Einsatz eines Audience Response Systems).

Reiseführer ARSnova

Einsatz-Szenarien5-Minuten-Tour (< 0,1 SWS):  Sie sind am Feedback Ihrer Zuhörer/innen interessiert, haben aber keine Zeit, sich mit dem didaktischen Einsatz von Audience Response Systemen zu beschäftigen? Legen Sie einfach eine ARSnova-Session ohne Fragen an und geben Sie die Session-ID an Ihren Kurs weiter – fertig. Dies entspricht dem Use Case „Nur Zwischenfragen“ (siehe Screenshot ). ARSnova dient hier als Kummerkasten Ihrer Lehrveranstaltung. Zu Beginn Ihrer Vorlesung sollten Sie die Studierenden ermutigen, Verständnisprobleme über das grüne Fragezeichen auf der Session-Startseite anonym mitzuteilen. Empfehlenswert ist das Anzeigen und Mitführen der Session-ID auf den Präsentationsfolien. Sie können später unter „Fragen der Studierenden“ nachschauen, ob es Probleme im Auditorium gab und am Ende der Vorlesung oder zu Beginn der nächsten darauf eingehen. Das Institut für Betriebswirtschaftslehre an der Uni Kassel nutzt ARSnova auf diese Weise für alle seine Vorlesungen.

Tagestour (≈ 1/2 SWS):  Sie sind technikaffin und wollen während der Vorlesung ein webbasiertes Audience Response System einsetzen? Formulieren Sie ein paar Verständnisfragen zu den Inhalten Ihrer Vorlesung im Multiple-Choice-Format. Informieren Sie sich, wie man gute MC-Fragen schreibt, zum Beispiel am ZMML der Uni Bremen.

Rundreise (> 1 SWS):  Sie haben ein hochschuldidaktisches Seminar über digitale Medien im Unterricht oder eine E-Learning-Tagung besucht und wollen Ihre Lehre „digitalisieren“? Sie sehen sich primär als engagierte/r Hochschullehrer/in und bemessen Ihre Lehre nicht nach Semesterwochenstunden? Dann lesen Sie sich in die Lehrstrategie „Just-in-Time Teaching“ und in die Lehrmethode „Peer Instruction“ ein. Krempeln Sie Ihren Unterricht zum „Inverted Classroom“ um und machen Sie das Audience Response System Ihrer Wahl zum didaktischen Mittelpunkt Ihrer Lehre. Eine aktuelle Evaluationsstudie zu verschiedenen Lerndesigns mit einem Audience Response System zeigt Ihnen, welche Einsatz-Szenarien besonders lernförderlich sind.

Implementierung von ARSnova in die eigene Hochschullehre

Wenn Sie ARSnova zum didaktischen Bestandteil Ihrer Lehre machen wollen, beachten Sie bitte die folgenden Ratschläge:

Vermeiden Sie den Überraschungseffekt:  Kündigen Sie Ihren Studierenden den geplanten Einsatz von ARSnova auf der Lernplattform an. Erklären Sie, warum Sie ein Audience Response System in Ihren Vorlesungen verwenden wollen (siehe den Abschnitt „Didaktik“ auf der Features-Seite), dass die Umfragen absolut anonym erfolgen und keine Prüfung darstellen. Neben einer anhaltenden Nutzungsakzeptanz sorgen Sie so dafür, dass es beim ersten Einsatz nicht zu einem massiven gleichzeitigen Download der Web-App und damit zu einer temporären Überlastung des Wireless Access Points kommt. Wenn die Studierenden bereits vor der Vorlesung ARSnova auf dem Gerät aufgerufen haben, das sie mit in den Hörsaal bringen, dann ist die Web-App bereits im Browser-Speicher vorhanden.

Auch Digital Natives brauchen Vorlauf:  Verweisen Sie auf der Lernplattform zum Kennenlernen von ARSnova auf die Demo-Session 71 07 36 92 und geben Sie den Link zur Session bekannt: https://arsnova.eu/mobile/#id/71073692.  Mit dieser Vorab-Information können Sie im Hörsaal ohne weitere Erklärungen und ohne Zeitverzug die erste Abstimmung starten. Idealerweise haben Sie eine Session mit Fragen zum Vorwissen und zur Erwartungshaltung vor der ersten Vorlesung erstellt und präsentieren die Ergebnisse am Beamer. Auf diese Weise sind das Tool ARSnova und seine Bedeutung für Ihren Unterricht bestens eingeführt.

Überlisten Sie den Access Point:  Stellen Sie sicher, dass zumindest Ihr Laptop einen zuverlässigen Zugang zum Internet hat, z. B. mittels eines Kabels an eine LAN-Buchse im Hörsaal oder über den mobilen Hotspot Ihres Smartphones. Als Lehrperson sollte es Ihnen nicht passieren, dass eine Überlastung des Access Points Sie daran hindert, die Antwortstatistik einer Umfrage am Beamer zu präsentieren. Sollte das WLAN im Hörsaal instabil sein, ein herkömmlicher Access Point kann in der Praxis nur 50-70 gleichzeitige Verbindungen halten, aber die Signalstärke des Mobilfunknetzes gut, bitten Sie Ihre Zuhörer/innen für die Dauer der Vorlesung das WLAN auf dem Smartphone auszuschalten. Eine 3G- oder gar EDGE-Verbindung reicht für die Nutzung von ARSnova aus. In diesem Fall liegt die maximale Anzahl gleichzeitiger Teilnehmer/innen bei mehreren Hundert.

Und wenn von meinen 200 Studierenden nur 50 ins Netz kommen?  Dann machen Sie aus der technischen Not eine didaktische Tugend: Lassen Sie in Gruppen arbeiten und abstimmen. Eine Gruppe ist dort, wo jemand zu den glücklichen 50 zählt. Die Sitznachbarn bilden die Gruppe. Sie wollen ja keine E-Klausur abhalten, sondern Ihre Studierenden aktivieren.

Weniger ist mehr:  Stellen Sie nicht zu viele Umfragen in den 90 Minuten Ihrer Vorlesung. Das führt dazu, dass sich die Studierenden fortwährend mit ihren Smartphones beschäftigen. Neben dem Risiko der Ablenkung führen ständige Umfragen auch zur Abnutzung des didaktischen Audience-Response-Effekts. Besser ist es, erst am Ende einer längeren Unterrichtseinheit zwei bis drei Verständnisfragen zu stellen oder die ganze Vorlesung nach der Peer-Instruction-Lehrmethode auf wenige Konzeptfragen umzustellen.

Die Antwort nicht wissen ist auch eine Antwort:  Stellen Sie keine Fragen ohne die Option Enthaltung („weiß nicht“), sonst verfälschen geratene Antworten die Repräsentativität aller Antworten. Das könnte Sie über den tatsächlichen Wissensstand Ihres Auditoriums täuschen. Standardmäßig haben wir deshalb die Möglichkeit zur Enthaltung für alle Frageformate aktiviert.

Mit einem Griff zu ARSnova und zurück:  ARSnova ist eine Web-App, läuft also in einem Browser. Microsoft’s Powerpoint, Apple’s Keynote oder Adobe’s Reader sind eigenständige Applikationen. Wechseln Sie aus der Folienansicht Ihrer Präsentation stets über die Tastatur – [Alt] bzw. [cmd ] und [Tab] – zu ARSnova im Browser und zurück. Ein Suchen nach dem Browser-Icon mit der Maus in der Taskleiste wirkt unbeholfen und wird als Medienbruch empfunden. Präsentationsvirtuosen wissen, dass man seinem Publikum Folien nicht im Editiermodus präsentiert, das gilt auch für ARSnova: Jeder Browser hat eine Vollbildansicht oder einen Präsentationsmodus. Mit dem Tastengriff [Strg] bzw. [cmd ⌘] und + können Sie die Ansicht von ARSnova ohne Verlust an Auflösung beliebig vergrößern. Auch die hinterste Sitzreihe im Audimax wird die Fragen und Antwortoptionen gut sehen können.

Backen Sie zuerst kleine Brötchen:  Tasten Sie sich an die Funktionalität von ARSnova schrittweise heran, siehe hierzu die Übersicht der didaktischen Einsatz-Szenarien von ARSnova. Beginnen Sie mit der Funktionalität eines Hardware-Clickers und stellen Sie nur ABCD-Fragen. Wenn es für Ihr Unterrichtsfach zweckmäßig scheint, erkunden Sie auch die elaborierten bildbasierten Frage- und Antwortformate von ARSnova. Verwenden Sie nicht zu viele große Bilder in Ihren Umfragen, das belastet das WLAN und verzögert die Umfragen. Erst wenn Sie die Technik beherrschen (nicht umgekehrt), testen Sie die Rückkanal-Optionen – Live Feedback und Zwischenfragen – zur spontanen Anpassung Ihres Unterrichts an das Verständnis Ihrer Zuhörer/innen.

Rollenwechsel oder: Was sehen meine Studierenden?  Neben der Smartphone-Vorschau für Fragen und Antwortoptionen haben wir ARSnova so konstruiert, dass Sie in einem zweiten Browserfenster oder durch Klick auf das Rollensymbol auf der Startseite Ihrer Session, siehe Einkreisungen auf den Screenshots, die studentische Ansicht testen können. Besuchen Sie in der Rolle Student/in Ihre Session und beantworten Sie Ihre eigenen Fragen. Werden die Antwortoptionen in der Balkenstatistik vollständig angezeigt oder zumindest so weit, dass man sie wiedererkennen kann? Stimmt die Lernstandanzeige mit Ihren Antworten überein oder haben Sie vielleicht die Antwortoptionen falsch gewichtet? Empfiehlt sich eine Berechnung des Lernstands nach dem Anteil vollständig richtig beantworteter Fragen oder eher nach der erreichten Gesamtpunktzahl? Klicken Sie auf den Button „Lernstand des Kurses“ bzw. „Mein Lernstand“, um den Unterschied zu sehen. Sie können danach alle Ihre Antworten mit einem Klick wieder löschen.

Gelingensfaktoren für den didaktischen Einsatz

Ein Autorenteam der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Jennifer Erlemann, Roger Johner und Claude Müller Werder, haben ihre Empfehlungen für den erfolgreichen Einsatz eines Audience Response Systems in einem e-teaching.org-Artikel (11/2014) prägnant zusammengefasst. Die Empfehlungen decken sich mit unseren Erfahrungen, wir erlauben uns deshalb, sie im Folgenden zu zitieren:

Integration in das didaktische Konzept:  Der Einsatz von Mobile Response Systemen soll nicht zu einer „Gag-Didaktik“ führen, sondern überlegt und begründet erfolgen. Es soll zu einer geschickten inhaltlichen und methodischen Rhythmisierung beitragen (vgl. Mayer et al., 2009). Diese wiederum orientiert sich vor allem an den Lernzielen, den Lerninhalten und der Zielgruppe. Sonst wird aus einem lernfördernden Medium schliesslich ein Strohfeuer, das schnell seine Wirkung verliert und eher zu einem Ärgernis wird.

Interesse zeigen für die Resultate:  Selbst wenn es nur eine kleine, kurze Umfrage ist: Von den Studierenden werden Beiträge erwartet. Diese sind entsprechend zu würdigen, indem sie analysiert, zur Diskussion gestellt und kommentiert werden. Solche Wertschätzung ist ein wichtiger Lernmotivator (vgl. Dubs, 2009, S. 96f) und stellt zudem sicher, dass sich die Studierenden auch bei nachfolgenden Umfragen beteiligen. Der Einsatz eines Mobile Response Systems ist also immer auch vom Ende, dem Resultat, her zu planen.

Dramaturgie: Teilnehmende neugierig machen:  Bevor die Lernenden durch den Einsatz des Clickers auf den Inhalt neugierig gemacht werden können, muss die Gruppe auf den Gebrauch des Tools eingestimmt werden. Auch wenn das System einfach zu bedienen ist und auf jedem Pult mindestens ein Laptop steht oder ein Smartphone liegt, braucht es ein gewisses Mass an Überwindung, mitzumachen. Mit einer animierenden Anmoderation sollen die Studierenden deshalb neugierig gemacht werden auf die folgenden Resultate, zu denen sie selbst einen substantiellen Anteil liefern können.

Es geht um eine Standortbestimmung, nicht um eine repräsentative Studie:  Auch wenn das Tool eine hohe Erreichbarkeit aufweist, werden noch lange nicht alle anwesenden Studierenden mitmachen. Hier gilt: Wer dabei ist, ist richtig und wichtig. Zu langes Warten oder gar Zwang vernichtet einen der Vorzüge dieses Instruments, nämlich quasi in Echtzeit ein Bild der Gruppe zu erhalten. Das Resultat einer Befragung mit dem Mobile Response System ist in jedem Fall eine Standortbestimmung der Gruppe und als solche zu betrachten. Damit gibt sie einerseits auch eine Rückmeldung an die Studierenden, die nicht teilnahmen, und lässt andererseits für Dozierende Rückschlüsse über die Gruppe zu.

Sich nicht von technischen Schwierigkeiten ablenken lassen:  Allenfalls behindern auch technische Hürden einzelne Studierende beim Mitmachen. Hier jeweils alle technischen Schwierigkeiten aus dem Weg räumen zu wollen, wäre nicht zielführend, weil schlicht zu zeitaufwendig. Im Einzelfall kann den Betroffenen Support in der Pause angeboten werden. Wichtig ist zudem der Hinweis, dass der Einsatz des Systems wiederholt erfolgt und dass auch aus der Reflexion der Resultate, zu denen man nicht selbst beitrug, gelernt werden kann.

Nicht nur (Vor-)Wissen, sondern auch Stimmungen und Meinungen abholen:  Die oben beschriebenen didaktischen Einsatzmöglichkeiten machen deutlich, dass sich Mobile Response Systeme für weit mehr eignen, als für die Abfrage von Wissen. Gerade das Abholen von Meinungen und Stimmungen öffnet die Tore für vertiefte Diskussionen in Kleingruppen oder im Plenum und für Reflexionen. Sie bieten zudem vielfältige thematische Anknüpfungspunkte.

«Gruppenbild» zur Diskussion stellen:  Das Potenzial von Umfragen mit elektronischen Abstimmungssystemen liegt nicht (nur) in den Antworten selbst, sondern in der Möglichkeit, diese zu spiegeln. Damit wird einerseits nicht nur die individuelle Auseinandersetzung mit einer oder mehreren Fragen angeregt, sondern auch der Vergleich der eigenen Antworten mit dem Gruppenspiegel. Oder es können andererseits über die individuelle Ebene hinaus durch die Dozierenden Gruppenphänomene aufgenommen und gespiegelt werden.

Zeit für Diskussion und Reflexion einplanen:  Zu guter Letzt: Wer sich für die Ergebnisse interessiert und diese als Gruppenbild zur Diskussion stellt, muss dafür genügend Zeit einplanen. Der Spiegel in Form der präsentierten Resultate wird einiges auslösen – unabhängig von den gestellten Fragen. In solchen Momenten geschehen wichtige Lernprozesse und es lohnt sich deshalb, hier Zeit zu investieren.

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